Haftung für den Zufall

Er hat auch Elemente der Rekonvaleszenz, dieser Bildungsurlaub jenseits aller Erlebnisgier, wie sie reguläre Urlaube beherrschen kann. Als ich merkte, dass auch ich nun Stress habe, Managerstress, da hatte der Stress schon mich.

Langsam wird der Blick nun frei auf den Kern dessen, was von Substanz zu zehren vermochte in den vergangenen Jahren. Worauf meine ungesunde Neigung zur Empörung eine hilflose Reaktion war. Es war nicht der mit dem Strukturwandel einhergehende Kompetenzverlust, der mich zu kränken vermocht hätte. Es waren nicht Zeit- und Termindruck, es war im Kern auch nicht die Bugwelle unbeantwortbarer Fragen und ungelöster Probleme, die Führungsverantwortliche mit grossem Kraftaufwand vor sich hinzuschieben pflegen.

Es war die Bürde der Verantwortung für einen Betrieb, dessen tiefgreifender Wesenswandel meinem Einfluss weitgehend entzogen war. Es war die Gewissheit, jederzeit für Leistungsfähigkeit und Wohlergehen eines sozialen Systems verantwortlich gemacht zu werden – beraubt der Kompetenz, die überlebensnotwendige Anpassung dieses Systems an rasch sich verändernde Umwelten zu steuern. Wir schauen, wie es weitergeht und Du bist dafür zuständig, dass alle damit zufrieden sind. Strahle also Zuversicht aus!

Die Verantwortung – erlebt als die Pflicht, auch für den Zufall zu haften – sie schiebt sich vor die Trauer, die dem Abschied vom Alten hier und da angemessen wäre. Sie schiebt sich vor den Aufwand, den es bedeuten würde, das Neue zur eigenen Sache zu machen. Und dort, wo Loslassen Befreiung ist, darf Befreiung kaum erlebt werden, weil mit Befreiung Unsicherheit verbunden ist und die Verantwortung ja bleibt. Wer für den Zufall haftet, scheut Unsicherheit.

Ich wünschte allen Führungsverantwortlichen Bildungsurlaube.

Weihnachten

Meine Liebste kommt mich besuchen, noch einmal schlafen. Ich freu mich sehr, sie hat mir gefehlt, nicht nur beim Aufwachen. Zu den Mahlzeiten auch, als Gegenüber. Beim Wälzen von Eindrücken und Ausprobieren von Gedanken, bei der Begegnung mit Schönem wie mit Ängsten. Ihre Gegenwart hat mir gefehlt für die Gegenwart, in der Vergangenheit ist sie ja und in der Zukunft auch. Sie hat mir gefehlt für Spontaneität. Ich ringe ständig leise um Vernunft, wenn ich alleine bin.  Es will gewohnt sein.

Nur deshalb freue ich mich auf Weihnachten.

Ökonomische Vernunft?

Ich bin interessiert an den Anteilen ökonomischer Rationalität und Funktionalität von Apartheid. In Anbetracht der fortbestehenden sozialen Spannungen und der so hartnäckigen, tiefen Segregation in diesem Land könnte man dann vielleicht Aussagen machen zur Reichweite ökonomischer Vernunft schlechthin.

Hendrik Frensch Verwoerd, gebürtiger Niederländer, war einige Jahre Professor für Soziologie und Sozialarbeit hier an der Universität Stellenbosch. Er hatte unter anderem in Hamburg, Berlin und Leipzig studiert, Mitte der zwanziger Jahre. Deutschen Quellen gilt er als „der Architekt der Apartheid“, während einheimische Quellen (s. etwa sahistory.org.za) das relativieren; schon die routinierte Kolonialmacht England hätte lange zuvor Politik-Ansätze forcierter Segregation in der Kap-Povinz verfolgt. Umgekehrt wird in Europa oft hervorgehoben, dass Verwoerd vom Nationalsozialismus beeinflusst gewesen sei, während das hierzulande eher relativiert wird.  Zum einen sei das zu früh gewesen, zum anderen habe  für ihn ursprünglich nicht rassische Überlegenheit der Weissen im Mittelpunkt der Ideologie gestanden, sondern die Notwendigkeit getrennter Entwicklung aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen: „The refinement of apartheid into a ‘separate-but-equal’ policy can be attributed to Verwoerd, who strongly advocated a theory of separate ‘nations’. He argued that contact between groups would hinder their evolution into independent nationhood. His willingness to guide Black people to self-determination once he considered them ready, won him many new White supporters. He promised that the different ‘tribal nations’ living in the Republic would be given equal political rights in their own ‘homelands’. – Vielleicht hat er die Apartheid nicht erfunden, aber er hat sie wohl zukunftstauglich gemacht.

Welchem Hirn (dem Hirn eines Soziologen und Professors für Soziale Arbeit??) entspringt der wahnhafte Plan, ein so schönes, reiches, riesiges Land ethnisch zu säubern? (Karadzić war, so heisst es, Psychiater). Menschen, sortiert nach ihrer Hautfarbe, in Slums zu konzentrieren, ausdrücklich notdürftig weil provisorisch im Hinblick auf eine spätere Ausbürgerung in eigene, angeblich souveräne, Kleinstaaten? Was sind die Treiber hinter einem solch wahnwitzigen Vorhaben, hinter dem Grössenwahn, die Welt zu designen? Unbestritten ist – aber darin erschöpft sich wohl die ökonomische Rationalität –  dass er die Leute dem Arbeitsmarkt als Reservoir billiger Arbeitskraft erhalten wollte. Darauf war die Wirtschaft hier gebaut. Deshalb wird ihm wohl von den Seinen zu lange niemand in dem Arm gefallen sein.

Nach acht Jahren Ministerpräsidentschaft, denen dieses Land wohl einen guten Teil der aktuellen Probleme zu verdanken hat, wurde Verwoerd 1966 erstochen, mit einem Messer und vielen Stichen. Am Tatort, im Parlament in Kapstadt, dieser heute so inspirierenden, euphorisierenden Weltstadt. Das Drama ging noch fast eine Generation weiter; die Konstruktion war sehr stabil. Sie trotzte unserem weltweiten Hass.

Ethnisierung

Wenn die sozioökonomische Schichtung der Gesellschaft entlang ethnischer oder anderer sinnlich wahrnehmbarer oder vermeintlich wahrgenommener Unterschiede eingerastet ist – zu Deutsch: wenn die Unterschicht erst einmal eine andere Hautfarbe, einen anderen Pass oder andere Gottheiten hat, dann wird das System sehr stabil. Es legitimiert (begründet) sich dann laufend selbst; auch wachsende, krasse Vermögens- und Einkommens- und Bildungsunterschiede erscheinen rundherum naturgewollt oder gottgewollt. Die Früchte des Reichtums Weniger lassen sich hier an der Landschaft ablesen und die ist verführerisch, wohltuend grosszügig, paradiesisch. Sie wurde lange Zeit von billiger Hand gepflegt.

Ein solches System kann lange in sich selbst ruhen. Es braucht gar nicht festgezurrt zu werden in Rechtsgrundlagen, die explizit Ungleichheit festschreiben und damit einen unappetitlichen Eindruck machen. Apartheid war nichts als ein Anachronismus; der westlichen Welt besonders peinlich, weil sie an den Kolonialismus erinnerte und auch an andere dunkle Kapitel der eigenen Geschichte, die damals kaum überwunden waren.

Eine Konstruktion solcher Statik kann es sich durchaus leisten, formelle Gleichheit zu behaupten, ohne dass dadurch die ungerechte Ordnung in Gefahr geriete. Auch in der Schweiz hat die Unterschicht mehrheitlich einen anderen Pass – und das funktioniert doch weitgehend kritikfrei. Hier zerstreuen jetzt ein paar wenige steinreiche „Schwarze“, und auch eine kleine farbige Mittelschicht jeden Verdacht: von der Hautfarbe allein hängt doch nichts mehr ab, darüber sind wir endlich hinweg.

Ich hatte gestern eine interessante Diskussion mit einem Tourismus-Verantwortlichen: Wie verkaufen wir südafrikanische Geschichte als so interessant, aufschlussreich und reichhaltig, wie sie ist? Wie legen wir das Potential offen, das in unserer Vergangenheit an dieser exponierten Ecke der Welt angelegt ist? Ist dieser peinliche Anachronismus einfach noch nicht lange genug her? Wie lange wird es gehen, bis wir so weit sind wie Deutschland, wo im Schatten der schaurig-faszinierenden Berliner Mauer auch ein Holocaust-Mahnmal zum Touristen-Magneten werden kann?

Ich ertappe mich dabei, wie ich mich nun selber wochenlang an meinen eigenen Bildern abgearbeitet habe. Dass ich etwa die Sprache Afrikaans – ein faszinierendes Kulturgut und Heimat von Millionen von Menschen – doch irgendwo ganz schlicht mit „Apartheid“ assoziierte. Wie reagierte ich, wenn ich zur Kenntnis nehmen müsste, dass jeder Japaner in mir als Deutschem zunächst einmal einen verkappten Nazi erkennen würde?

Wo soll das alles enden?

Meine Konzentrationsfähigkeit ist in den Jahren seit dem Studium durch diesen exekutiven Berufsalltag zerhackt worden in viele kleine Splitter. Ich bin angewiesen auf ständige kleine affektive Reize, um mich mit einer Sache systematisch zu beschäftigen. Ich assoziiere mehr nur, als dass ich analytisch durchdringe. Sorgen um ihre Verpackung trüben meinen Blick auf die Sache selbst. Mein Ausdruck erzielt Wirkung (wenn überhaupt) nur noch in der Art der Wirkung einer Collage. Authentizität, Originalität, Kreativität bloss noch in der Assemblage aufgeschnappter Versatzstücke.

Oder ist von uns allen soviel produziert, auf den virtuellen Desktop gelegt und in irgendwelche Clouds gestopft worden, dass der Vorrat an genuin Neuem zur Neige geht? Wann lässt sich nichts mehr denken, das nicht schon gedacht wurde?

Grussbotschaft

Liebe Kolleginnen und Kollegen

Aus dem fernen Afrika möchte ich Euch zum Abschluss des Jahres danken für die viele, oft befriedigende, allzu oft aber auch mühselige und ärgerliche Arbeit, die Ihr geleistet habt. Nicht alles ist gut, nicht alles wird besser. Aber es ist schon besser als an den meisten Orten dieser Welt und zu den meisten Zeiten, die sie erlebt hat.
Letzteres sagt man sich natürlich lieber selbst, als dass man es sich sagen lässt. Zumal vom Chef.

Wir stehen, wer weiss das nicht, in einer Phase des Umbruchs im Bildungsbereich – auch wenn alle Welt weiss, dass die Schweiz ja schon heute über eins der besten Bildungssysteme verfügt, die es gibt. (Sie hat es auch nötig.) Die  Umbrüche bewirken viel auch in unserem Hause, ja, wir wissen oft gar nicht mehr, was unser Haus ist! Was gut war, soll plötzlich nicht mehr gut sein oder nicht mehr gut genug – und umgekehrt.
Das einzige, was immer hilft, ist nie aufzuhören, verstehen zu wollen. Es muss die Welt jeden Tag neu verstanden werden. Das  zu leben, ist und bleibt unsere Aufgabe ja auch als Hochschule, was immer der Wandel bringt. Dass wir dabei unzensuriert und unerschrocken denken, reden und handeln dürfen, das ist unser Elixier und in der Mitte Europas unbestritten.

Ich habe mich zum Bildungsurlaub zurückgezogen, damit ich dann wieder mutig und mit Zuversicht an die Dinge herangehen kann, die meine Aufgabe sind. Ich zweifle aus der Ferne, ob all der Unmut, den ich vor mir hergewälzt habe, angemessen war. Nicht, ob er berechtigt war, sondern ob er für irgendetwas nützlich war. Ich danke allen, die Mehrarbeit oder andere Nachteile auf sich nehmen, damit ich mir das hier leisten und solche Zweifel denken kann.

Etwas, woran ich hier gerne denke, ist die hohe Einsatzbereitschaft an unserer Hochschule und das gute Klima, das ich wahrnehme. Wenn es so ist, ist es ein Verdienst aller.

Ich wünsche Euch allen eine erholsame Zeit und dann einen guten Start ins Neue Jahr. Ich merke erst beim Schreiben, dass ich fast damit rechne, dass  es gar nicht so lange geht, bis ich mich wieder freuen werde, zurückzukommen.

JS

Schwere Luft, leichtes Licht

Die Zikaden tönen metallisch, nicht hölzern wie in Südeuropa. Sie bevorzugen auch hier ölige Gewächse, am liebsten wohl Steineichen, Lorbeer und allerlei für mich noch Namenloses. In den abendlichen Dämmerstunden wird die Welt schwer von Blütenduft, etwas leidenschaftlich Wächsernes setzt sich durch und holt ganz unterschiedliche Erinnerungen aus meinem Innersten. Etwa das Wölkchen nach dem Ausblasen von Weihnachtskerzen, erwartungsvoll. Nimmermüde Jacaranda-Bäume, unerschrocken ihr Violett, sie scheinen den Erdboden aus den Angeln zu lösen und machen alles ganz leicht und frei. Die Eukalypsen wachsen in den Himmel, hinter ihrem kühn-filigranen Geäst leuchten rosarote Schäfchenwolken vor barockblauen Himmel. Erinnerungen an den Golf von Napoli, das Erstaunen, dass die Wirklichkeit unseren Kitschbildern in nichts nachsteht. Die Berge wirken schroff und unbewohnt, umso mehr erstaunt zu meinen Füssen ein munterer Bach mit üppigem Wasserlauf. Allein das Glucksen und Plätschern ist Labsal nach dem heissen Tag. Palmen gegen den dem Sonnenuntergang abgewandten, tizianischen Himmelsgewölbe – sie wollen verzaubern wie Reisebürowerbung. Aber die Idylle ist nicht perfekt, stacheldrahtbewehrte Villen hinter Bougainvillea erinnern mich, wo ich bin.

Grosse, ausgewachsene, würdevolle Bäume, im Mittelmeerraum eher selten, sind sie Hinweise? Wo Bäume auswachsen dürfen, setzt sich jemand durch, der sich das leisten kann. Das fällt auch in der Toscana auf. Baumschutzreglemente können das wohl kaum ersetzen, sie erhalten bestenfalls Mittelmass. Ein ausgeprägtes Haftpflichtbewusstsein führt unter mitteleuropäischen Verhältnissen dazu, dass keine Bäume mehr in den Himmel wachsen. Solche Grandezza kriegen wir nicht mehr hin.

Leben wir wohl im Mittelmass?

Schreibhemmung

Nach und nach erschliesst sich auch meinem Gefühl die erdrückende Komplexität dessen, was bei allen Beteiligten nachwirkt von den Jahrzehnten offiziellen Rassismus‘, und es wird mir auch nach und nach erst ermessbar, wieviel schwieriger das alles zu bewältigen ist angesichts der vielschichtigen Dynamik, in der diese Ecke der Welt sich heute befindet.

Das macht mich vorübergehend vorsichtig, auch demütig, vielleicht schreibkarg. Ich habe oft das Gefühl, nichts zu sagen zu haben – im doppelten Sinne des Worts: es steht mir nicht zu, etwas zu sagen und es gibt nichts zu sagen, das nicht schon gesagt wurde.

 

Reiche, Schöne, Wilde

Es ist diese üppige, manchmal wilde und manchmal müde Natur, die uns klein macht mit unseren Sorgen. Sie ruht in sich und fragt sich nicht, ob wir Teil sind von ihr. Sie war schon immer da, hat Vieles gesehen und überlebt.

Ich liebe dieses Licht am Abend, es ist auf eine erregende Art neu – und doch erinnert es mich an geläuterte Familiensonntage in meiner Kindheit (man erinnert sich lieber nur noch an die) – die Welt vollkommen und in Ordnung. Die Eichen werfen schöne Schatten an die weissen Wände, überall möchte ich verweilen!

Die Gäste kommen mit der Limousine (weiss, und immer schön gewaschen, wenig Chrom heutzutage!) oder mit dem Helikopter. Sie steigen aus und holen sofort, überwältigt von der Kulisse, tief Landluft. Sie lassen sich durchdringen, sie lassen mit sich geschehen. Was geht in ihnen vor? Die mehrfach gelifteten Visagen lassen wenig erkennen, eher ihre Bewegungen, das ausgelassene, ferne Lachen. Das Etablissement tut auch alles, um die Grenzen zu verwischen zwischen innen und aussen; es wächst um einen alten Baum herum, ein Bach fliesst durchs Entree! Wildheit darf mehr sein, als bloss Deko, sie darf auch die einfangen, die Modell stehen für das gute, richtige Leben.

Suchen sie heute, die Reichen & Schönen, die Natur? Da wären sie hier am richtigen Ort.

Als Halbwissender dachte ich bisher, gerade in Zeiten des Aufbruchs hätten wir unser Leben und Sterben, mit neuen Mitteln, immer ultimativ über die Natur zu erheben versucht. Bis zu Verdruss und Reue, die dann Ausdruck fanden im Zurück-zur-Natur, Jugendstil, Verklärung des Deutschen Walds und seines Sterbens.

Ist das diesmal anders? Steht eine „gleichzeitige Romantik“ bevor, Ausdruck breiter Sorge um die nichtmenschliche Natur?