Halbzeit

Schweissgebadetes Erwachen bei früher Morgendämmerung – es jagt und plagt mich, was des Tags belebt. Alles Ungelöste holt in diesen Stunden der Schwäche und Wehrlosigkeit mich ein und schlägt direkt in die Magengrube, als dränge es eben zur Tür herein und sei gar nicht 9073 km weit weg. Situative Unverfrorenheit, das unbekümmerte Leben, spitze Blogeinträge drohen plötzlich, mich zum Opfer eigenen Übermutes werden zu lassen. Wie weg war ich? Wie wird sich die Rückkehr anfühlen? Welche Erwartungen werden mir entgegenschlagen? Brauche ich Wiedereingliederungsmassnahmen? Eine Zwischenbilanz drängt sich auf zur Halbzeit dieser in meinem Berufsleben wahrhaft einmaligen Zeit.

Es war eine Landung in der Weissen Crème des Schwarzen Kontinents. Ich habe die latente Entrüstung eines Westeuropäers mitgebracht und musste die meisten alten Antworten durch neue Fragen ersetzen. Ich bin grosser Gastfreundschaft und Herzlichkeit begegnet, übe mich täglich in der Rolle des Gastes und mobilisiere dabei alle Restbestände guter Erziehung. Ich bin aber auch der Scham begegnet, die der Weissen für die Geschichte, die der Schwarzen für die Gegenwart. Ich habe eine ganz neue Vorstellung von den bedrängenden Ausmassen und der entmutigenden Komplexität Sozialer Probleme, wie sie sich in weiten, den verletzten Teilen dieser Welt stellen. Von der Dramatik, die die Vernachlässigung der Kohärenz einer Gesellschaft und der Glaubwürdigkeit von Politik entfalten kann. Ich habe mir die Zeit genommen, mich neben dem Weg über viele dumme Fragen und geduldige Gespräche, politischer, historischer und fachlicher Literatur auch über Krimis, Belletristik und bildende Kunst diesem Land, seiner Geschichte und seinen Spannungen zu nähern. Und last but not least bin in eine andere Sprache eingetaucht; das Ringen um den richtigen Ausdruck insbesondere eigener Emotionalität hemmt mich nicht nur – es macht auch nachdenklich und lässt schwer und Unaussprechliches in neuem Licht erscheinen.

So war es auch eine Reise zu mir selbst. Jede neue Frage an dieses Land und an diesen Kontinent enthält auch eine Frage an mich selbst. Das Hinaustreten aus den alltäglichen Handlungsrhythmen macht wachsam gegenüber den Resonanzen in meinem Inneren. Ich habe Wunden geleckt. Ästhetische, körperliche, intellektuelle und kulinarische Genüsse haben mich ent-faltet, aber vielleicht noch nicht gestärkt. Es sind nicht Ferien.

Der Boden wäre nun gelegt und Beweglichkeit errungen für das nähere Herantreten an Institutionen und Projekte Sozialer Arbeit einerseits und an die Bildungsstätten andererseits, die gerade aus ihrem Sommerschlaf erwachen.

Und ich habe noch immer keine Affen gesehen, keine Schildkröten und keine Elefanten. Und das wärmere Wasser des Indischen Ozeans wartet auf mich.

Vormundschaft

Bei der vertieften Beschäftigung mit dem neuen schweizerischen Kindes- und Erwachsenenschutzrecht fällt mir auf:

– Die substanziellsten Fortschritte wurden bei der Behördenorganisation erzielt. Ein geregeltes, gewaltenteiliges Verfahren, geführt von professionellen Behörden mit einem Einzugsgebiet, das gross genug ist, um Erfahrungen zu sammeln und eine Praxis aufzubauen: das hat diese wert- und anspruchsvolle öffentliche Leistung verdient. Professionalisierung heisst, eine Aufgabe den politischen Launen soweit zu entziehen, wie das in einem demokratischen System möglich ist. Das scheint, im Sinne einer Optimierung, gelungen zu sein.

– Die alten Begriffe wurden ersetzt. Das war nur nötig, weil das Vormundschaftswesen die Öffentlichkeit immer gescheut hat. Auch wenn eine öffentliche Aufgabe eine ungeliebte Aufgabe ist, so ist sie doch weder ein wertloses noch gar ein böses Geschäft. Wem nützt es, wenn nun alle Massnahmen hinter dem Begriff Beistandschaft verschwimmen? Was war entwertend oder gar entwürdigend am Begriff Vormundschaft, wenn nicht bloss unsere Assoziationen? Wer hätte diese Assoziationen bilden und pflegen müssen? Es wäre auch Aufgabe der Sozialen Arbeit gewesen, immer wieder darzustellen, dass es immer Menschen geben wird, die vorübergehend oder dauernd nicht in der Lage sind, in unserer anspruchsvollen Konsumwelt zu bestehen. Dass das nichts ist, wofür sich jemand zu schämen hat, und dass es hoher Kompetenzen bedarf, für jemanden, der sich in einer solchen Lage befindet, Verantwortung zu übernehmen. – Der „fürsorgerische Freiheitsentzug“ heisst nun „fürsorgerische Unterbringung“. Soll verschleiert werden, dass eine solche Unterbringung eben in der Regel nicht dem Willen der unterzubringenden Person entspricht? Wird damit etwa keine Freiheit entzogen? Oder soll selbstschädigende Freiheit nicht mehr unter den Freiheitsbegriff fallen? Da fehlt jemand, der erklärt, worum es geht.

– Die Soziale Arbeit wird aufgewertet, vom Gesetzgeber und von anderen Disziplinen faktisch als gleichwertige Disziplin anerkannt. Ich hoffe, sie wird diesem Anspruch gerecht. Das Titelblatt der neuesten Ausgabe unserer führenden Fachzeitschrift zum Thema weckt keine besonderen Hoffnungen. Es ist plakativ, unkritisch und falsch.

Ich wünsche mir, auch für eventuelle Jahre eigener Demenz, dass die neuen interdisziplinären Behörden über die Möglichkeit und Bewusstheit verfügen, ihre Aufgabe unablässig, bei jeder Gelegenheit und auch von sich aus offensiv und positiv darzustellen. Mehr als manch andere Verwaltungseinheit bedürfte sie wohl professioneller, aktiver Kommunikation. Damit nicht die Begriffe in 50 Jahren wieder alle ausgewechselt werden müssen.

Sans-Papiers

„I’m a teacher at University of Stellenbosch“.

Es fällt mir immer wieder angenehm auf, dass im Englischen auch waschechte Professoren sich nicht scheuen, sich als Lehrer zu bezeichnen. An den Fachhochschulen aber sind wir sogar bestrebt, die Wörter „Unterricht“ und „Schule“ aus unserem Vokabular zu streichen und flächendeckend durch „Lehre“ und „Hochschule“ zu ersetzen. Was ist los?

Ehemalige BerufskollegInnen aus der Sozialen Arbeit lachen mich gerne aus wegen meines vermeintlichen „Professorentitels“. Ich entgegne dreierlei:

Erstens handle es sich nicht um einen Titel, sondern um eine im kantonalen Hochschulrecht geregelte Funktionsbezeichnung. Das liesse sich auch daran erkennen, dass sie mit Beendigung der Funktion wieder wegfalle. (Natürlich fühle ich mich bei dieser Argumentation formalistisch und unwohl, denn offensichtlich ist, dass wir dennoch hier und da teilhaben daran, was ein „Professor“ etwa bei ahnungslosen Briefträgern und Vermietern auslöst).

Ich sage zweitens, es sei im Ausland selbstverständlich, dass sich ordentliche FH-Dozierende als ProfessorInnen bezeichnen. Wir stünden dumm da, wenn wir das im internationalen Kontakt, der ja alltäglich sei, nicht täten (Mag sein, aber machen wir sonst auch so gerne alles mit, was im Ausland gemacht wird??).

Und schliesslich, drittens, sei der Professor Ausdruck einer Entwicklung, von der auch sie selbst, meine ehemaligen BerufskollegInnen, profitierten: Soziale Arbeit sei eine Hochschuldisziplin geworden, und dieser Statusgewinn sei nicht zuletzt auch am Lohnniveau abzulesen. (Betretenes Schweigen).

„Richtige“ Professoren („Univ.-Prof“) lachen mich nicht aus, sondern sie verweisen etwa indigniert auf meine fehlende Promotion, geschweige denn Habilitation. Sie erinnern sich an die Rosskur, die sie durchzumachen hatten, bis sie dort waren, wo sie heute sind. Ich entgegne mit den Argumenten oben 1. und 2., Nummer 3 lasse ich lieber weg. (Vielleicht sage ich noch, dass Soziale Arbeit fast überall auf der Welt  – wie auch hier in Stellenbosch – mit Selbstverständlichkeit an der Universität gelehrt wird. Was erstens nichts zur Sache mit dem Professor „sans papiers“ tut und was ich zweitens auch nicht für der Weisheit letzten Schluss halte). Und dann stelle ich vielleicht noch die kühne Gegenfrage, was einem denn eigentlich mehr abverlange: jahrelange Berufspraxis und dennoch fähig bleiben zu wissenschaftlicher Denke – oder das ehrgeizige Verbleiben im Elfenbeinturm, bis man ganz oben sei? Und gerne setze ich noch eins drauf und stehe offensiv dazu, dass an Fachhochschulen auch weiterhin und wohl noch jahrzehntelang Berufsleute ohne Promotion zu sog. Professorinnen und Professoren gemacht würden. Denn es gebe in der Sozialen Arbeit wohl noch lange zuwenig promovierte und zugleich hinreichend erfahrene Berufsleute – und ohne Berufserfahrung gehe es nicht, denn Fachhochschulen hätten gemäss ihrem gesetzlichen Auftrag für die Berufsausübung zu qualifizieren. Und da dürften die Nichtpromovierten im Kollegium keinesfalls wie Zweitklass-MitarbeiterInnen dastehen, indem wir ihnen den Professor verweigerten!

Unsere Trägerkantone schliesslich stehen als Arbeitgeberinnen in Versuchung, die Funktionsbezeichnung „Professor“, so umstritten und auch irreführend sie auch ist, als immateriellen Lohnbestandteil zu preisen. Deshalb hier und da ihre Freigebigkeit.

Wahrscheinlich bin ich bezahlt dafür, mich in diesem Minenfeld zu bewegen. Mich darüber  hinwegzusetzen, dass das, was man bisher im deutschsprachigen Raum gemeinhin unter einem Professor verstand, nicht mehr recht erkennbar ist. Und mich dem Vorwurf auszusetzen, dass die Fachhochschulen nicht nur etwas falsch machten, sondern sich auch etwas vergeben, indem sie die Universität imitieren.

Wahrscheinlich bin ich bezahlt dafür, ja.
Aber wie war das nochmal mit dem Widerstand?
Es ist nicht der Notfall.

 

Widerstand

Widerstand war ein geheimnisumwittertes Wort in meiner Kindheit. Es deutete auf etwas hin, das ich nicht verstand, aber vielleicht auch nicht verstehen sollte. Meines Vaters stolzes Leiden, seinen Vater „im Widerstand verloren“ zu haben, wurde im Alter drängender. Es dominierte sein verfallendes Leben als ein nicht verschmerzter Schmerz und als ein nicht erprobter Stolz. Widersprüchliche, kaum zugelassene und nie ausgedrückte Empfindungen. Weder den Stolz noch das Leiden hatte er je nachvollziehbar benennen können; das war seiner Generation nicht erlaubt. Erhobenen Hauptes hatte jedeR sein Schicksal zu tragen. Es waren immer Momente der Fremdheit zwischen uns, diese verhaltenen Gemütslagen, die ich spürte, die mir aber verschlossen blieben. Alle Fragen waren dumm, das Thema zu gross für mich.

So wurde die elterliche Erwartung, wachsam und notfalls zu Widerstand bereit zu sein, belastender Ethos und Tabu zugleich. Es war kein Notfall zu erkennen und damit keine Gelegenheit, zu beweisen, dass ich den hehren Ansprüchen genügte. Wir wurden eingelullt in die Jahre des sorglosen, hemmungslosen Wirtschaftswachstums.

Ich richtete dann, um der Sache auf den Grund zu gehen, meinen Widerstand gegen alles, was ihnen selber wert und teuer war. Ich liess wenig aus. (Preis war eine verlängerte Pubertät – oder der Gewinn, wenn man davon ausgeht, dass das, was nach der Pubertät kommt, noch schlimmer ist. Ich weiss, dass es ein Privileg ist, wenn Pubertät nicht durch Faktenlagen beendet wird. Aber ich weiss heute auch, dass mir Abkürzungen zur Verfügung gestanden hätten, die ich hätte ergreifen dürfen.)

Ich bin sehr interessiert an den Dilemmata, die sich weissen Apartheidgegnern meiner Generation gestellt haben. Sie hätten den echten Notfall ja gehabt.

Aber es bleibt sehr schwierig, darüber zu sprechen.

 

Vielfalt und Angst

Schwarz und ein wenig Altes Weiss, unüberschaubare Artenvielfalt in Flora, Fauna und Menschheit, Gewirr zwischen elf Nationalsprachen, chinesisches Geld, die scharfe Küche der  Nachkommen versklavter Malayen, Flucht und Völkerwanderung, tribale Machtkämpfe und Genozid, Regenzeiten und weite Wüste, Erbe des Kolonialismus und Jahrhunderthass, Stammeskulturen, Gangs und Familiendynastien, Realsozialismus, Polygamie im Präsidentenpalast, Missionare, Entwicklungshelfer, safarihungrige Touristen, Golf&Surf-Beauties aus aller Welt, Erbsünde und Ahnenkult, Unrechtserinnerung, Scham und Wiedergutmachungseifer, Stellvertreterkriege, Dürren und Hungersnöte…

Ich glaube, die Schweiz würde eine rundherum geschlossene, digital und mit Selbstschutzanlagen gesicherte Helvetische Mauer ums Alpenland errichten wollen, wenn auch nur ein Bruchteil dieser Vielfalt in ihre Nähe käme. Volk und Stände  würden mit klarer Mehrheit entscheiden, nun sei die Entwicklungsphase der Monarchie nachzuholen und einen „Guten König“ wählen. Und wir müssten froh sein, wenn es dabei bliebe. Und uns gut stellen mit der Obrigkeit.

Vom Helfen III

Noch etwas ist uns abhanden gekommen beim Versuch, das „Helfen“ zu läutern: der Sinn für Abstieg, Verfall und Ende. Dabei gibt es doch auch dann noch so viel zu tun, wenn nichts mehr zu machen ist! Medizin und Pflege machen uns vor, was Aufgabe ist, wenn Hoffnung auf Besserung schwindet, Stagnation und Niedergang hingenommen werden müssen.

Ist es eine weniger vornehme Aufgabe, Abstieg zu begleiten denn zur Besserung der Lage beizutragen? Haben wir Angst, Szenarien der Hoffnungslosigkeit zu denken? Machen sie uns handlungsunfähig? Warum sprechen wir am meisten von Integration, am liebsten von Prävention – aber nie von Palliation?

Ich fürchte: auch wir assoziieren Menschenwürde unkritisch mit Selbstbestimmung und Autonomie; und dabei entgleitet sie uns. Soziale Arbeit muss gar nicht per se systemkritisch sein; aber sie sollte die Tücken des Systems erkennen und sich doch wenigstens der Schwachstellen annehmen. Sonst verliert sie nach ihrem systemverändernden Anspruch auch noch ihre Aufgabe aus den Augen, die Symptome zu lindern.

 

Entbildung

Maputo – eine andere und doch dieselbe Welt. Die andere Seite ein- und derselben Welt.

Augen und Ohren laufen über, die Nase tanzt und wirbelt mich (das olfaktorische Zentrum ist eng verdrahtet mit der benachbarten Hypophyse!). Alter Boden knarrt und ächzt und schwankt. Die Eindrücke entziehen sich der Einordnung in schön oder hässlich, gut oder böse, nützlich oder schädlich. Ich fühle mich wie ein Tier (falls Tiere sich so fühlen?), überflutet von Sinneseindrücken, die Fähigkeit zur Urteilsbildung setzt aus, alle Masstäbe verschieben sich, werden blass und biegsam, stauch- und dehnbar. Die schiere Vielfalt der Lebenswelten übersteigt jedes vorstellbare Mass, alles gefällt und nichts gefällt, alles überzeugt und nichts überzeugt. Die Tropen verschlucken mich, und wenn ich es geschehen lasse, fühlt es wie Genuss sich an.

Bildungsurlaub nicht als Urlaub für Bildung sondern Urlaub von Bildung.

Vom Helfen II

Vor 15 Jahren sass ich an meiner Lizentiatsarbeit zur makaber-akademischen Fragestellung, ob unsere Bundesverfassung auch demjenigen einen Anspruch auf minimale Unterstüzung gewährt, der sich insofern der Subsidiarität verweigert, als er die Unterstüzung nicht als ein auf sein Potential zugeschnittenes Angebot entgegennimmt, sondern als Grundlage für ein unbesorgtes Leben. (Rechtsmissbrauch bei der Ausübung des Grundrechts auf Existenzsicherung, Edition Soziothek, Bern 1998). Ich war am Grenzfall interessiert und spitzte ihn zu: was tun wir, wenn sich Hilfeempfänger mit Absicht der ihnen zumutbaren Zusammenarbeit verschliessen? Verschliessen wir uns auch? Das Bundesgericht hat sich bis heute um eine eindeutige Stellungnahme zu diesem Dilemma zu winden gewusst.
Ich zweifle inzwischen, ob es die Frage wert ist, zum Gradmesser und Härtetest unserer Humanität gemacht zu werden; auch unbedingter Anspruch auf Unterstützung selbst im Grenzfall wird Wenige dazu bewegen, die Hände in den Schoss zu legen. Und (da ist man sich einig) verhungern lassen werden wir Niemanden in der Schweiz.
Ich bin bald ein Lebensquartal älter und das Zuspitzen verliert mit dem Zuwachs an Verantwortung an Reiz, denn wirksam ist es selten. Ich habe auch das Bundesgericht nicht überzeugen können und die Lehre nur teilweise.

Vom Helfen

Wenn wir gute Vorsätze fassen, lieben wir es, auch die abgenutzten Wörter auszuwechseln. Als fiele es mit neuem Vokabular leichter, ein neues Leben anzufangen. Neger, Krüppel, Entwicklungshilfe.

Auch dem „Helfen“ haben wir einen negativen Beigeschmack anschimmeln lassen und sprechen nun lieber von „Unterstützen“.  Das alte Helfen soll etwas Entmündigendes an sich haben, seit beschrieben wurde, dass es von sehr unterschiedlichen Motiven getragen sein kann. Die Assoziation von Hilfe mit Übergriff und Verletzung der Autonomie hat, vermute ich, etwas mit dem narzisstischen Verhältnis des Bürgertums zu seinem Selbstbestimmungsrecht zu tun; Selbstbestimmung und Selbständigkeit sind ihm Teil seiner sog. „Ehre“. Wer – warum auch immer – seine Abhängigkeiten einzugestehen genötigt ist, der ist bald ein Nichts, ein non-valeur, in-valid (bitte nicht ersetzen, dieses Wort, es enthält wichtige historische Spurenelemente). Mein Vater war so. Er spürte seine Demenz und empfand in seinen luziden Momenten mehr Scham als den Verlust seiner Luzidität selbst. In dieser seiner sinnlosen Scham überliess er es einfach uns, seine Würde zu behaupten.

Noch mehr interessiert mich etwas anderes, dem mit ausgewechselten Wörtern nicht beizukommen ist: Wann Hilfe entfähigt. Zuvorkommendes Verhalten – etwa erstarrt zu Rollenverhalten in langjährigen Partnerschaften oder in schuldgesättigten neokolonialen Beziehungen – erodiert des Anderen Fähigkeit zu Selbsthilfe und Selbstdisziplin, Resilienz. Zuvorkommendes Verhalten kommt der Selbstbehauptung zuvor, es schwächt die mentale Kondition, die Bereitschaft und Fähigkeit zu angemessener Härte mit sich selbst.

Subsidiarität meint eine Form von Hilfestellung, die mit Präzision genau das vermeidet. Massarbeit – soviel Unterstützung wie nötig, so wenig wie möglich. Sie setzt in der Beziehung zwischen Helfendem und Geholfenem Nähe ebenso voraus wie Distanz. Nähe fürs Mass-Nehmen, Distanz fürs Mass-Halten. Massnahmen mit Augenmass.
Subsidiarität ist nicht einfach eine „Haltung“; sie ist auch nicht bloss ein sozialethisches oder staatsrechtliches, handlungsleitendes Prinzip. Subsidiarität ist eine besonders anspruchsvolle Form der Zusammenarbeit. Sie verlangt Lauterkeit und Kommunikation auf beiden Seiten.

Haben wir nicht, als wir uns in emanzipatorischem Eifer das Helfen vergällten, die legitimen Gegenerwartungen unterschlagen, die von Seiten der Hilfeleistenden gegenüber dem Hilfeempfänger diese Zusammenarbeit begleiten? Haben wir nicht deshalb, aus Angst vor dem Rückfall in paternalistisches Gehabe, etwa den Wert von Arbeitsintegration und den Unwert von Sozialleistungsmissbrauch unterschätzt? Und auch den Struktur-Schaden, den unser Spendensegen in den Empfängerländern postkolonialer Wiedergutmachung angerichtet hat?

Es braucht mehr als das Auswechseln von Wörtern. Wenn es das überhaupt braucht.

Leise Lust

Musik im Kopf

Beau Belle, Meerlust, Mont Destin, Kapzicht, Alluvia, Bon Courage, Goede Hoop, Kleine Zalze, Lanzerac, Blaauweklippen, Vrede en Lust, Morgenster, DeWaal, Haut Espoir, Lynx, Eikendal, Morgenhof, Boschendal, Nabygelegen, Moddelvlei, Nitida, Rhebokskloof, Rosendal, Rust en Vrede, Somerbosch, Strandvel, Uva Mira, Val de Vie,  Viliera,  Long Mountain, Allee Bleue, Groot Eiland, Almenkerk, Balance, Cederberg, Bellevue, Waterkloof, Bloupunt, Spier, Blue Cove, Buitenverwachting, Cape Diamond, Cirrus, Gilga, Crystallum, Delaire, DeMorgensun, DuVon, Fraai Uitzicht, Misty Mountains, Frost Wine, Doornkrai, Meerendal, Essay, Groot Constantia, Tormentoso, Guardian Peak, Seidelberg, Orange River, Nederburg, Hazendal, Hidden Valley, Imbuko, Monterosso, Inah, Jonkheer, Jordan, Kango, Mountain River, Kanu, Klawer, Zidela, La Motte, Laibach, Le Bonheur, M’hudi, Zandvliet, Migliarina, Stellenzicht, Weltevrede, Mont Du Toit, Umkhulu, Mooi Bly, Mountain Oaks, Springfield, Neethlingshof, Org de Rac, Painted Wolf, Perdeberg, Vriesenhof, Plaisir de Merle, Zorgvliet, Mulderbosch, Roodezandt, Saam Mountain, Scali, Seven Sisters, Steenberg, Namaqua, Stormhoek, Two Oceans, Vergelegen, Winters Drift, Zandberg, Zonnebloem.

Bilder im Mund

Steiler Anflug, spitze Nase, Blumen, flüchtiges Glück. Taumel im Veld, Salz am Meer. Der Morgen danach. Schaum, Runzeln, sonnengegerbte Haut. Schwarze Glätte, schweissglänzend. Erdige Kühle, Urin, alter Fisch – kein Leder. Muscheln im Topf, Rauschen und Zucken. Kolophon und der Lack des Geigenbauers. Anflüge von Neroli, oder Bergamotte? Frühstückstisch im Mai.

Scheue Lippen, Feuchte statt Nässe, flüchtiges Kräuseln der Haut; Nüsse oder Beeren? Artig Trockenes. Blutfarbene Blumen, überflüssige Üppigkeit, wildes Gewächs im Spätsommer, kurz vor dem Kippen in sehnsüchtige Fäulnis. Himmelstürmende, lichtblühende Bäume in fremdem Wind. Das Licht wird schwer in den Mittagsstunden, das Gemüt auch, weintrunken?

Schlüpfend im Abgang, unversehens, leichtes Beben im Kiefer. Halten! Die Zunge sucht Sättigung. Nimmersatter Gaumen – woher kennst Du ihn so gut?