Dünne Haut und offene Poren

Mein Schweigen war beredt – es ging mir nicht gut. Was kümmern die daheimgeblieben überwinternden Vögel die Leiden der ungebundenen Schwalbe?
Ich war unternutzt. Ich wusste nicht wirklich, durch welcher Art Krisen Auszeiten führen können. Ich hatte doch so keine Mühen mir der Loslösung, spielerisch nehme ich alles, was an Geschäftlichem noch zu mir dringt.

Nach zwei Monaten unterstrukturierten Alltags, gierig in Anspruch genommener Gastfreundschaft, nach wochenlangem Grundrauschen in Form von allerlei Selbstgesprächen war ich überdrüssig meiner eigenen steten, beharrlichen Fragen an dieses rätselhafte Zusammenleben, an Geschichte und Schichtung dieses Landes, überdrüssig meiner Rolle als Gast und zuletzt überdrüssig meiner selbst.

Der Überdruss pausiert, ich habe Besuch. Ich zeige meiner Tochter, was ich bisher genossen und verstanden zu haben glaube, teste meine Antworten auf dieselben Fragen, wie sie mir sich stellten und noch immer stellen. Ich bin noch Vater genug, um zu spüren, wo meine Antworten wahrhaftig sind und wo bloss nach aussen gekehrter Selbstbetrug. Und sie ist noch Tochter genug, um dranzubleiben und nachzuhaken.

Vieles wird hier unausweichlich.  Wie schnell wird man in diesem Land auch heute noch vom Besucher zum Komplizen all der Arrangements, mit denen man und frau und schwarz und weiss sich hier durch Alltag und Erinnerung, Gegenwart und Vergangenheit schlängelt? Wie drückend wird die Frage, wie ich selber mich verhalten hätte in den Jahren rassistischer Staatsdoktrin? Wie beengend meine Ausgangs-Fragen an die Soziale Arbeit … noch immer nehme ich sie in Theorie und Praxis zu wenig wahr, um auch nur den Entwurf einer Antwort zu wagen.

„Bei meinem früheren Africa-Besuchen hatte ich oft den Eindruck in diesen Erdteilen dünnhäutiger zu sein, als ob durch die Wärme die Poren geöffneter sind für allerlei Empfindungen und Gefühle und Überlegungen ungeschützter in die Seele dringen können. Das fand ich manchmal heilsam, manchmal beunruhigend und belästigend und manchmal öffneten sich auch „verstopfte“ Kanäle,  befreiend und angstmachend zugleich.“ Das schreibt mir eine langjährige, liebgewonnene Freundin.

 

Fussnoten

1 Die viele unstrukturierte bzw. selber zu strukturierende Zeit führt zu Verschiebungen in meinem Zeitgefühl und zu unangemessenen Wartehaltungen; ich warte zurzeit auf sechs verschiedene Fachpersonen aus Hochschulen und Projekten vor Ort. Sie haben alle Hände viel zu tun, ich erinnere mich. Dennoch brauche ich viel Energie, um mich des Verdachts zu erwehren, ich sei im Weg, ein ungebetener Gast.

2 Die monumentalen Berge rundherum sind aus demselben Gestein wie die Dolomiten; vermutlich etwas älter oder durch das Meer verstärkter Witterung ausgesetzt. Aber sie erinnern daran in ihren skurrilen Formen und in ihrer lustigen Nacktheit. Sie sind wie Berge von Kinderhand gemalt.

3 Neulich wurde in FaceBook gepostet: „lebe unverschämt“. Kann es das wirklich sein in einer Zeit, da sich Schamlosigkeit rund um die Welt auch bei Verantwortungsträgern breit macht? Es gibt ja Menschen, die sich für erlittene Demütigungen schämen (statt Wut zuzulassen) – aber das darf nicht im Selbstbefreiungswahn dazu führen, dass zwischen falscher und berechtigter Scham nicht mehr unterschieden wird. Es gibt kein Leben ohne Schuld und Scham. Ich halte Scham für eine produktive Regung; Ausdruck der Bereitschaft, den, der ich bin wieder in Einklang zu bringen, mit dem, der ich sein will. Wir sollten der Scham zuhören, eigener und fremder.

4 Die in die Landschaft eingebrannte Segregation tut dem Auge weh. Weh tun die Blech- und Kartonhütten ebenso wie die Wehrsiedlungen der weissen Wohlhabenden. Es erschreckt mich, wie gleich sie im Grundmuster sind. Die Ghettos der Armen, die Ghettos der Reichen und die Ghettos derer, die gerne reich erscheinen wollen. Ein Land der Zäune und Gitter. Nebenstrassen sind in der Regel kurze Sackgassen, wenn es schön wird, kommt ein stacheldrahtbewehrtes Tor mit einem Schild „Armed Response“. Was übrig bleibt in einer segregierten Gesellschaft, ist Niemandsland. Nur von Ferne schön.

5 Ich liebe Wind, zumal warmen. Er streichelt sonnenverbrannte Haut. Wenn er jeden Abend bläst und rüttelt, kann er auch einschüchtern. Ich neige dazu, mich sehr alleine zu fühlen, wenn es draussen stürmt. Ich denke an Kälte und Schnee in Europa.

6 Die Wärter, die überall gelangweilt herumsitzen, vor jeder Parklücke dienstfertig im Kreuz springen, an jede Strassenecke herumlungern: sie bedrücken mich und manchmal sind sie mir einfach auch lästig. Sie erinnern ständig daran, dass Security zum Geschäft geworden ist. (Ihre Wirkung ist umstritten.) Sie machen mich zu jemandem, als der ich mich noch nicht zu fühlen gelernt habe: ein zu Bewachender und zu Bedienender – ganz unabhängig vom Nutzen der Bewachung. Das heisst: ein zu Bewirtschaftender. Die mir unterstellte Angst soll Geld Wert sein. Warum tut das weh?

7 Ich habe nie gerne Trinkgeld gegeben. Aber nicht etwa, weil es mich reut; es gibt gezieltere Arten, Überschüssiges dem Gewissen zu stiften. Der Akt des Gebens erleichtert mich von nichts, das Gegebene beschwert doppelt. Ich war erleichtert, als die Gewerkschaften im Gastgewerbe verlauten liessen, Trinkgelder seien des Übels. (Um solch konsequente Positionen ist es aber wieder still geworden.)

8 Eine Welt fast ohne öffentlichen Verkehr – wird sie nicht noch hemmungsloser zersiedelt als eine mit? In der Schweiz kommt der Ausbau des öV aus raumplanungspolitischen Gründen unter Druck. Wie genau wäre die Alternative? Sie setzte wohl mehr als Good Governance, sie setzte Tough Governance voraus, und zwar die der zentralistischen Art.

9 Ein trutziges Denkmal für die Sprache Afrikaans, von faschistoider Eleganz; 1975 enthüllt, atmet es den Geist der späten 30ger Jahre. Ich bekomme Gänsehaut – wo bin ich hier? Muss ich Schuld abtragen in meinem Bildungsurlaub?? Das Erlebnis kultureller Fremdheit, das die Koordinaten der Selbstorientierung so produktiv verschiebt – hier ist es schillernd. Das bodenständig Europäische an der Kultur der Afrikaander bietet Vertrautheit in dieser wilden Gegend – aber es ist zeitlich manchmal um ein halbes Jahrhundert verschoben. Ich bin vertraut und unangenehm erinnert an die Jahren meiner Kindheit, an die Hinterlassenschaften vorangegangenen Hasses und Kriegs.

10 Der Rand war eine der härtesten Währungen der Welt solange südafrikanische Politik hier noch unbeirrt und verlässlich war. Reisen aufgeklärter Weisser wurden durch weltweiten Boykott behindert. Heute ist es die Schwäche des Rand, die das Reisen erschwert. Bitter für alle, die dazugehören möchten zu dieser Welt.

Verrechtlichung?

Wenn Juristen etwas begründen, tun sie das gerne juristisch. Das erstaunt nicht weiter, denn das haben sie ja so gelernt. Was sie aber erstaunt, falls sie es merken: für Nichtjuristen fühlt sich das manchmal an, als käme da einer mit entsicherter Knarre in den Laden. Entscheider (Führungskräfte, Fachpersonen – Experten weniger, die empfehlen ja lieber, als dass sie entscheiden) – Entscheider kommen da rasch unter Druck. Sie glauben alles oder nichts. In beiden Fällen sinkt ihre Entscheidungsfreude und -freiheit schlagartig gegen Null.

Die besonders Schlauen unter ihnen nutzen das so: wenn sie nicht wissen, was sie wollen, konsultieren sie einen Juristen. Das beruhigt nicht nur (denn es befreit von Wissen und Gewissen zugleich) sondern man kauft ihnen, sekundiert vom Advokaten, dann auch alles ab. Zwei Fliegen auf einen Schlag: eine (zumeist „saubere“, wenn auch meistens defensive) Lösung und optimale Akzeptanz. Sie nennen das Verrechtlichung, und klagen (zur Tarnung?) lauthals darüber. Den Advokaten schmeichelt’s dennoch.

Was gute Juristen können: Gedanken ordnen und so präsentieren, dass man sie lieber glaubt, als sich mit ihnen anzulegen. Wen wunderts, dass so viele Entscheider Juristen sind?

Das einprägsame Diktum „zwei Juristen, drei Meinungen“: es gibt, freilich in Sarkasmus gehüllt, der Erwartung Ausdruck, dass das Recht eindeutige Handlungsanweisungen liefere. Das ist eine Illusion. So war es noch nie. Nur in autoritären Systemen gibt es eindeutige Handlungsanweisungen.

Ich empfehle meinen Studenten: 1., zuerst überlegen, was man will. Und dann erst, 2., (und nur falls unbedingt nötig oder nach einer Nacht Schlafen noch unwohl) fragen, ob man das darf.

Wir sind so gut erzogen! Dass wir etwas wirklich wollen, das unstatthaft oder sogar unmöglich ist, das ist erschreckend selten!