Verblüfft

Auf dem Papier seit kurzem sog. Doppelbürger, die Kinderschuhe irgendwo im weiteren Europa verloren, bin ich nicht imstande, Nationalität zu empfinden.
Sie verleiht mir Papier und Privileg, kaum Pflicht, keine Identität.

In Übersee erlebe ich, wie das alltagsfüllende kleinliche Geplänkel und Gerangel im beschränkten europäischen Raum verblasst und Europa identitätsstiftend wird. Plötzlich so etwas wie Heimat. Zumal Europa mit seinen kulturellen Ansprüchen wie mit seinen Blutspuren überall präsent ist und man als Europäer adressiert wird.
Ich fühle mich so, wie ich adressiert werde, weil ich nichts dagegen habe.
Allen Erwartungen an einen Europäer entspreche ich auch, wenn ich davon ausgehe, dass Afrika ein, zwei, viele Probleme hat, an deren Enstehung und Verständnis ich uns zwar gerne beteilige, die ich aber selbstredend als viel schwerwiegender denke, als das, woran wir in Europa zu leiden glauben.

„Will Europe be able to reinvent itself?“ Eine Frage, die mich verblüfft. Man sieht die leeren Kirchen in einem vom Islam überrannten, verzweifelt um Bewahrung ringenden und in Selbstzerfleischung begriffenen Alten Kontinent und ich nehme peinlich berührt Mitleid wahr. Ungleichheit, Unsicherheit, Ungewissheit: das Ringen um die Bewältigung echter Herausforderungen sei es, was dem Leben Sinn verleihe, Wirtschaft und Politik dynamisiere, Kunst und Kultur inspiriere. Das sagen mir Leute, die ganz persönlich und auf höchster Ebene mitgewirkt haben bei Versöhnung und Friedenssicherung im südlichen Afrika.

Unsere Prognose ist nicht gut in den Augen der Welt. Was tun wir dazu?
Das schweizerische Minarettverbot ist ein Joker. Ich präsentiere die Sache so, dass wir sehr offen diskutieren und stelle die Kakophonie, die dabei zu vernehmen ist, als Ausdruck einer pluralistischen, toleranten Gesellschaft dar, die den Dialog pflegt als Grundlage ihrer Entwicklungsfähigkeit.
Es fühlt sich an, als rede ich mit dem Mundwerk eines Fremden.

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