Segregation

Du wirst geschockt sein, auch wenn Du drittwelterfahren bist, was sich dieses wunde Land an Hüttensiedlungen leistet. Schon bei der Landung, scheint es Dir, tauchst Du nicht in die weltoffene Metropole einer grossen Wirtschaftsmacht ein, die „Mother City“ Kapstadt, sondern nach Kaeylitsha, eines der grössten „Informal Settlements“ Südafrikas. Die Mehrheit der Einwohner dieser schönen Weltstadt lebt in einer der zahlreichen Townships. Nichts als Blech und Karton, auf Sand gebaut, so weit das Auge reicht. Alle Europäer sind schockiert, aber nicht alle lassen sich mit den eingeübten Euphemismen und Relativierungen besänftigen.

„Sie wollen es selber so. Die Regierung baut neue Häuser. In Nairobi ist es noch schlimmer. Es leben hier auch verarmte Weisse. Die Sozialstruktur innerhalb der Townships ist hochdifferenziert, die alltägliche Solidarität eindrucksvoll. Die Leute haben alles in ihren sauberen Hütten und auch schon mal ein Auto vor der Tür. In den B&B’s sind sie wirklich nett. Es ist die Zuwanderung aus den schwarzafrikanischen Ländern, wo es den Schwarzen halt noch viel schlechter geht als hier. Der ANC selber tut nichts dagegen, vielleicht gar im Gegenteil, weil er sich davon Wählerstimmen erhofft.“ Und am besten: „Oberflächlich betrachtet haben diese Unterkünfte keinen besonderen architektonischen Wert, sind aber spirituelle Heimstätten, Stätten der Zuflucht, der Gespräche, der Wärme und Nähe zu gleichgesinnten Menschen … Eine Strohtasche hängt dekorativ an der Wand. Der Rest des Landes horcht auf und vornehme Inneneinrichtungsgeschäfte haben sich bereits von diesen frischen Ideen inspirieren lassen“.

Kayelitsha ist keine „gewöhnliche“ Drittwelterscheinung. Es ist – wie die meisten Townships – eine Gründung des Apartheidregimes, ein beschämendes Zeugnis der Politik ethnischer Säuberung. Es gibt nichts, was solche Lebensbedingungen hier und heute zu rechtfertigen vermöchte. Mit Verdrängen, mit Ausflüchten oder gar Schönrederei werden nicht nur die Verpflichtungen Lügen gestraft, die seine besondere Geschichte diesem Land und seinen Führungsverantwortlichen auferlegt. Es werden nicht nur die Hoffnungen zerstört und Erwartungen enttäuscht, mit denen die Regenbogennation in ein neues Zeitalter aufgebrochen war, Kredit verspielt beim Rest der aufmerksamen Welt. Es werden vor allem die Kosten unterschätzt, die die tiefe Segregation verursacht. Die Townships sind der Inbegriff der Segregation in einem Land der Zäune und Gitter, faktischer Ausgangssperren, welthöchster Delinquenz, in einem Klima der fortbestehenden Angst einer Minderheit um den Verlust heiler Welten.

Nicht das Elend erschreckt, sondern seine Absonderung. Die Segregation ist nun nicht mehr ein Relikt vergangener Zeit und auch nicht ein Symptom. Sie dürfte Ursache der meisten Sozialen Probleme sein, unter denen Südafrika leidet.

Ganze Heerscharen von NGO’s arbeiten sich Tag für Tag in den zahlreichen Townships ab. Sie kämpfen, oft christlich motiviert und finanziert, gegen Armut und Überschuldung, Hunger und Fehlernährung, häusliche Gewalt und alltägliche Vergewaltigung, massenhaften Alkoholismus und die Folgen irreversibler Alkoholschäden bei Neugeborenen, HIV-Durchseuchung und massenhafte AIDS-Erkrankung, den Verkehrstod, Anomie in Kinder- und Jugendbanden, ein archaisches Patriarchat, Schulabsentismus, Tuberkulose, Bildungstiefststände, Arbeits-, Chancen- und Mutlosigkeit, Aberglaube, Korruption, Hexenaustreiber, religiöse Eiferer. Sie kämpfen gegen das alltägliche Spiel mit dem Feuer – aus alten Autopneus am Rande der Autobahn.

Es stellt sich für die Soziale Arbeit die Frage, was ihre Rolle sein soll, wenn der politische Wille erschlafft, die gesellschaftliche Segregation als das Hauptproblem zu anerkennen und entschiedene Schritte dagegen zu unternehmen.

Mit der Politik der Versöhnung war es wohl nicht getan, soviel Anerkennung sie auch verdient. Aber das Land braucht nun keinen internationalen humanitären Aktivismus. Es braucht einen zweiten Anlauf.

Verhängnisse

Genug des Ich-Bezugs? Meine Zeit hier neigt sich ihrem Ende zu und es drängt mich, neben aller Dankbarkeit für grosse Gastfreundschaft, die Eindrücke zu bündeln, die sich mir im Hintergrund meiner Fragen abgelagert haben. Nicht Urteile – Vorurteile werden es bleiben, dessen bin ich mir wohl bewusst; oft genährt eher durch Schweigen oder Antworten der Ausflucht denn im offenen Gespräch. – Ich erlaube mir weiterhin Subjektivität. Wer einen Reisebericht erwartet, möge weiterklicken. Es ist die Resonanz in uns, die oft den Schlüssel liefert zu tieferem Verständnis.

Ich begegne in neuem Zusammenhang („Imperien der Weltgeschichte – Das Repertoire der Macht“) der VOC, der mächtigen niederländischen Vereinigten Ost-Indien-Companie des 17. Jahrhunderts. Die Figur der juristischen Person war zu dieser Zeit im Entstehen, weil die Mobilisierung des bisher an den Boden gebundenen Kapitals Schwung bekam und gesteuert werden musste. Und offenbar bot sich die „Kompanie“ nicht nur an, privates Geld risiko-minimiert zu investieren, sondern sie wurde auch ganz handfest zu Zwecken des Imperialismus und Kolonialismus mit Freipässen ausgestattet zum Kriegen, zum Schlachten und zu Massen-Verschleppungen. Der „Erste Multi“ unterhielt Armee, Kriegsflotten und Waffenarsenale und das nicht etwa zu Verteidigungszwecken in wildem Gelände. Es liest sich wie das Outsourcing eines dreckigen Geschäfts, die Lizenz zum Genozid. Der fand aber zunächst – in Konkurrenz zur portugiesischen Seemacht und ihr ausweichend – weit weg in Indonesien statt. Europa erntete bloss mit langem Arm die süssen und würzigen Früchte. Wie so oft.

Die VOC kommt in jedem südafrikanischen Geschichtsbuch vor, aber dieses weisse Südafrika war aus globaler Sicht zunächst nur eines ihrer Nebenprodukte, nichts als ein Versorgungsstützpunkt am Kap, das auf dem Weg nach Südostasien zu umrunden war. Zum Hotspot wurde die Gegend erst, als sich auch die aufstrebende Seemacht England für das Kap zu interessieren begann. Es wäre zwar naiv zu glauben, erst von da an sei die Geschichte Südafrikas zum Blutbad geworden. Aber es wurden hier doch noch ganz andere, innereuropäische Konflikte ausgetragen als die Rassenkonflikte, wie wir sie heute gerne im Vordergrund sehen. Und dies mit grosser Brutalität. Man sagt, das Konzentrationslager sei hier erfunden worden. Von Weissen für Weisse.

Die Traumata wirken bis heute fort und wir haben mit unserer Boykott-Politik gegenüber dem Apartheidsstaat zu ihrer Heilung nicht beigetragen. Begründete Ängste vor dem Verlust von Privilegien mischen sich mit Überlebensängsten bis hin zur diffusen Furcht vor Genozid. Auch im Gespräch mit Intellektuellen stellte sich hin und wieder dieses mulmige Gefühl ein, das ich lange nicht verstand. Es wurde mir als Aussenstehendem bewusst, das man nicht alles sagen muss um einander zu bedeuten, wovon man spricht. Reiz- oder Codewörter, Mimik, plötzliche Stimmungstrübungen. Erst in den letzten Wochen konnte ich sie zusammenfügen und verstehen.

Falls die Spätfolgen der Apartheid je soweit überwunden werden sollten, dass Distanz alte Tabu’s auflöst und Differenzierung zulässt, wird noch Vieles zu verarbeiten sein. Aber vielleicht tut ein Generationenwechsel seinen Dienst und es geht nicht nochmal bis ins siebte Glied. Wie die jungen Szenen zeitgenössischer Kunst in einer weltoffenen Metropole wie Kapstadt an die Bewältigung komplexer Geschichte herangehen, lässt hoffen.

Dafür, dass weltweiter Boykott ein Teil dazu beitrug, dass die Alte Garde abtreten musste, dafür scheint man dem Rest der Welt im Übrigen dankbar zu sein. Wohlwollende Aufmerksamkeit der Studierenden aller Couleur war mir sicher, als ich darüber sprach, wie die engen Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Apartheidstaat uns auf die Strasse getrieben haben.

Vielfalt II

Vielleicht waren 11 National- und Amtssprachen etwas mutig. Oder war diese Setzung von Gleichheit Anzeichen mangelnden Mutes, Prioritäten zu setzen? Vielleicht leidet, wie viele Stimmen meinen, die Kenntnis einer Muttersprache darunter – welche auch immer es ist.

Dennoch ist die Sprachenvielfalt in Südafrika faszinierend. Sie lässt alles weit hinter sich, was wir uns in der EU leisten, und was wir in der Schweiz kennen, erst recht.  Nachdem die ethnischen Säuberungen in dieser exponierten Ecke der Welt endlich gescheitert sind, drückt die Anerkennung der Vielfalt aus, dass Nationalstaat mit Ethnie nichts zu tun hat. Während Europa sich der Vielfalt stellen muss, wenn es ein ehemals ethnisch aufgeladenes Nationalstaatsideal überwinden will, ist Südafrika schon bei der Bildung eines modernen Nationalstaats damit konfrontiert.

Lingua Franca ist Englisch, je nach Bildungshintergrund auf hohem Niveau. Afrikaans als Ausbausprache (ähnlich dem Jiddischen, Luxemburgischen oder auch der Gebärdensprache) ist Muttersprache von über 6 Millionen Menschen aller Hautfarben im südlichen Afrika, wurde aber von der ehemals herrschenden weissen Minderheit zur Durchsetzung ihrer rassistischen Staatsräson missbraucht. Afrikaans scheint im Bestreben, vor diesem Hintergrund nicht definitiv in die Defensive zu geraten, vor Selbstüberschätzung und Selbstverliebtheit nicht gefeit. Die (es ist schwierig, ein historisch zutreffendes und doch korrektes Wort dafür zu finden) afrikanischen Sprachen isiNdebele, isiXkosa, isiZulu, Nord-Sotho, Sesotho, Setswana, Siswati, Tshivenda und Xitsonga  sind sehr heterogen und nicht nur indogermanischen Muttersprachlern sondern auch untereinander in der Regel schwer zugänglich.

Wenn die Schweiz eine Willensnation sein soll – was ist dann die Regenbogennation? Der Regenbogen ist ein Naturschauspiel, wenn nach dem Unwetter Sonnenschein wiederkehrt. Damit ist es hier nicht getan.

 

Dünne Haut und offene Poren

Mein Schweigen war beredt – es ging mir nicht gut. Was kümmern die daheimgeblieben überwinternden Vögel die Leiden der ungebundenen Schwalbe?
Ich war unternutzt. Ich wusste nicht wirklich, durch welcher Art Krisen Auszeiten führen können. Ich hatte doch so keine Mühen mir der Loslösung, spielerisch nehme ich alles, was an Geschäftlichem noch zu mir dringt.

Nach zwei Monaten unterstrukturierten Alltags, gierig in Anspruch genommener Gastfreundschaft, nach wochenlangem Grundrauschen in Form von allerlei Selbstgesprächen war ich überdrüssig meiner eigenen steten, beharrlichen Fragen an dieses rätselhafte Zusammenleben, an Geschichte und Schichtung dieses Landes, überdrüssig meiner Rolle als Gast und zuletzt überdrüssig meiner selbst.

Der Überdruss pausiert, ich habe Besuch. Ich zeige meiner Tochter, was ich bisher genossen und verstanden zu haben glaube, teste meine Antworten auf dieselben Fragen, wie sie mir sich stellten und noch immer stellen. Ich bin noch Vater genug, um zu spüren, wo meine Antworten wahrhaftig sind und wo bloss nach aussen gekehrter Selbstbetrug. Und sie ist noch Tochter genug, um dranzubleiben und nachzuhaken.

Vieles wird hier unausweichlich.  Wie schnell wird man in diesem Land auch heute noch vom Besucher zum Komplizen all der Arrangements, mit denen man und frau und schwarz und weiss sich hier durch Alltag und Erinnerung, Gegenwart und Vergangenheit schlängelt? Wie drückend wird die Frage, wie ich selber mich verhalten hätte in den Jahren rassistischer Staatsdoktrin? Wie beengend meine Ausgangs-Fragen an die Soziale Arbeit … noch immer nehme ich sie in Theorie und Praxis zu wenig wahr, um auch nur den Entwurf einer Antwort zu wagen.

„Bei meinem früheren Africa-Besuchen hatte ich oft den Eindruck in diesen Erdteilen dünnhäutiger zu sein, als ob durch die Wärme die Poren geöffneter sind für allerlei Empfindungen und Gefühle und Überlegungen ungeschützter in die Seele dringen können. Das fand ich manchmal heilsam, manchmal beunruhigend und belästigend und manchmal öffneten sich auch „verstopfte“ Kanäle,  befreiend und angstmachend zugleich.“ Das schreibt mir eine langjährige, liebgewonnene Freundin.

 

Fussnoten

1 Die viele unstrukturierte bzw. selber zu strukturierende Zeit führt zu Verschiebungen in meinem Zeitgefühl und zu unangemessenen Wartehaltungen; ich warte zurzeit auf sechs verschiedene Fachpersonen aus Hochschulen und Projekten vor Ort. Sie haben alle Hände viel zu tun, ich erinnere mich. Dennoch brauche ich viel Energie, um mich des Verdachts zu erwehren, ich sei im Weg, ein ungebetener Gast.

2 Die monumentalen Berge rundherum sind aus demselben Gestein wie die Dolomiten; vermutlich etwas älter oder durch das Meer verstärkter Witterung ausgesetzt. Aber sie erinnern daran in ihren skurrilen Formen und in ihrer lustigen Nacktheit. Sie sind wie Berge von Kinderhand gemalt.

3 Neulich wurde in FaceBook gepostet: „lebe unverschämt“. Kann es das wirklich sein in einer Zeit, da sich Schamlosigkeit rund um die Welt auch bei Verantwortungsträgern breit macht? Es gibt ja Menschen, die sich für erlittene Demütigungen schämen (statt Wut zuzulassen) – aber das darf nicht im Selbstbefreiungswahn dazu führen, dass zwischen falscher und berechtigter Scham nicht mehr unterschieden wird. Es gibt kein Leben ohne Schuld und Scham. Ich halte Scham für eine produktive Regung; Ausdruck der Bereitschaft, den, der ich bin wieder in Einklang zu bringen, mit dem, der ich sein will. Wir sollten der Scham zuhören, eigener und fremder.

4 Die in die Landschaft eingebrannte Segregation tut dem Auge weh. Weh tun die Blech- und Kartonhütten ebenso wie die Wehrsiedlungen der weissen Wohlhabenden. Es erschreckt mich, wie gleich sie im Grundmuster sind. Die Ghettos der Armen, die Ghettos der Reichen und die Ghettos derer, die gerne reich erscheinen wollen. Ein Land der Zäune und Gitter. Nebenstrassen sind in der Regel kurze Sackgassen, wenn es schön wird, kommt ein stacheldrahtbewehrtes Tor mit einem Schild „Armed Response“. Was übrig bleibt in einer segregierten Gesellschaft, ist Niemandsland. Nur von Ferne schön.

5 Ich liebe Wind, zumal warmen. Er streichelt sonnenverbrannte Haut. Wenn er jeden Abend bläst und rüttelt, kann er auch einschüchtern. Ich neige dazu, mich sehr alleine zu fühlen, wenn es draussen stürmt. Ich denke an Kälte und Schnee in Europa.

6 Die Wärter, die überall gelangweilt herumsitzen, vor jeder Parklücke dienstfertig im Kreuz springen, an jede Strassenecke herumlungern: sie bedrücken mich und manchmal sind sie mir einfach auch lästig. Sie erinnern ständig daran, dass Security zum Geschäft geworden ist. (Ihre Wirkung ist umstritten.) Sie machen mich zu jemandem, als der ich mich noch nicht zu fühlen gelernt habe: ein zu Bewachender und zu Bedienender – ganz unabhängig vom Nutzen der Bewachung. Das heisst: ein zu Bewirtschaftender. Die mir unterstellte Angst soll Geld Wert sein. Warum tut das weh?

7 Ich habe nie gerne Trinkgeld gegeben. Aber nicht etwa, weil es mich reut; es gibt gezieltere Arten, Überschüssiges dem Gewissen zu stiften. Der Akt des Gebens erleichtert mich von nichts, das Gegebene beschwert doppelt. Ich war erleichtert, als die Gewerkschaften im Gastgewerbe verlauten liessen, Trinkgelder seien des Übels. (Um solch konsequente Positionen ist es aber wieder still geworden.)

8 Eine Welt fast ohne öffentlichen Verkehr – wird sie nicht noch hemmungsloser zersiedelt als eine mit? In der Schweiz kommt der Ausbau des öV aus raumplanungspolitischen Gründen unter Druck. Wie genau wäre die Alternative? Sie setzte wohl mehr als Good Governance, sie setzte Tough Governance voraus, und zwar die der zentralistischen Art.

9 Ein trutziges Denkmal für die Sprache Afrikaans, von faschistoider Eleganz; 1975 enthüllt, atmet es den Geist der späten 30ger Jahre. Ich bekomme Gänsehaut – wo bin ich hier? Muss ich Schuld abtragen in meinem Bildungsurlaub?? Das Erlebnis kultureller Fremdheit, das die Koordinaten der Selbstorientierung so produktiv verschiebt – hier ist es schillernd. Das bodenständig Europäische an der Kultur der Afrikaander bietet Vertrautheit in dieser wilden Gegend – aber es ist zeitlich manchmal um ein halbes Jahrhundert verschoben. Ich bin vertraut und unangenehm erinnert an die Jahren meiner Kindheit, an die Hinterlassenschaften vorangegangenen Hasses und Kriegs.

10 Der Rand war eine der härtesten Währungen der Welt solange südafrikanische Politik hier noch unbeirrt und verlässlich war. Reisen aufgeklärter Weisser wurden durch weltweiten Boykott behindert. Heute ist es die Schwäche des Rand, die das Reisen erschwert. Bitter für alle, die dazugehören möchten zu dieser Welt.

Verrechtlichung?

Wenn Juristen etwas begründen, tun sie das gerne juristisch. Das erstaunt nicht weiter, denn das haben sie ja so gelernt. Was sie aber erstaunt, falls sie es merken: für Nichtjuristen fühlt sich das manchmal an, als käme da einer mit entsicherter Knarre in den Laden. Entscheider (Führungskräfte, Fachpersonen – Experten weniger, die empfehlen ja lieber, als dass sie entscheiden) – Entscheider kommen da rasch unter Druck. Sie glauben alles oder nichts. In beiden Fällen sinkt ihre Entscheidungsfreude und -freiheit schlagartig gegen Null.

Die besonders Schlauen unter ihnen nutzen das so: wenn sie nicht wissen, was sie wollen, konsultieren sie einen Juristen. Das beruhigt nicht nur (denn es befreit von Wissen und Gewissen zugleich) sondern man kauft ihnen, sekundiert vom Advokaten, dann auch alles ab. Zwei Fliegen auf einen Schlag: eine (zumeist „saubere“, wenn auch meistens defensive) Lösung und optimale Akzeptanz. Sie nennen das Verrechtlichung, und klagen (zur Tarnung?) lauthals darüber. Den Advokaten schmeichelt’s dennoch.

Was gute Juristen können: Gedanken ordnen und so präsentieren, dass man sie lieber glaubt, als sich mit ihnen anzulegen. Wen wunderts, dass so viele Entscheider Juristen sind?

Das einprägsame Diktum „zwei Juristen, drei Meinungen“: es gibt, freilich in Sarkasmus gehüllt, der Erwartung Ausdruck, dass das Recht eindeutige Handlungsanweisungen liefere. Das ist eine Illusion. So war es noch nie. Nur in autoritären Systemen gibt es eindeutige Handlungsanweisungen.

Ich empfehle meinen Studenten: 1., zuerst überlegen, was man will. Und dann erst, 2., (und nur falls unbedingt nötig oder nach einer Nacht Schlafen noch unwohl) fragen, ob man das darf.

Wir sind so gut erzogen! Dass wir etwas wirklich wollen, das unstatthaft oder sogar unmöglich ist, das ist erschreckend selten!

Halbzeit

Schweissgebadetes Erwachen bei früher Morgendämmerung – es jagt und plagt mich, was des Tags belebt. Alles Ungelöste holt in diesen Stunden der Schwäche und Wehrlosigkeit mich ein und schlägt direkt in die Magengrube, als dränge es eben zur Tür herein und sei gar nicht 9073 km weit weg. Situative Unverfrorenheit, das unbekümmerte Leben, spitze Blogeinträge drohen plötzlich, mich zum Opfer eigenen Übermutes werden zu lassen. Wie weg war ich? Wie wird sich die Rückkehr anfühlen? Welche Erwartungen werden mir entgegenschlagen? Brauche ich Wiedereingliederungsmassnahmen? Eine Zwischenbilanz drängt sich auf zur Halbzeit dieser in meinem Berufsleben wahrhaft einmaligen Zeit.

Es war eine Landung in der Weissen Crème des Schwarzen Kontinents. Ich habe die latente Entrüstung eines Westeuropäers mitgebracht und musste die meisten alten Antworten durch neue Fragen ersetzen. Ich bin grosser Gastfreundschaft und Herzlichkeit begegnet, übe mich täglich in der Rolle des Gastes und mobilisiere dabei alle Restbestände guter Erziehung. Ich bin aber auch der Scham begegnet, die der Weissen für die Geschichte, die der Schwarzen für die Gegenwart. Ich habe eine ganz neue Vorstellung von den bedrängenden Ausmassen und der entmutigenden Komplexität Sozialer Probleme, wie sie sich in weiten, den verletzten Teilen dieser Welt stellen. Von der Dramatik, die die Vernachlässigung der Kohärenz einer Gesellschaft und der Glaubwürdigkeit von Politik entfalten kann. Ich habe mir die Zeit genommen, mich neben dem Weg über viele dumme Fragen und geduldige Gespräche, politischer, historischer und fachlicher Literatur auch über Krimis, Belletristik und bildende Kunst diesem Land, seiner Geschichte und seinen Spannungen zu nähern. Und last but not least bin in eine andere Sprache eingetaucht; das Ringen um den richtigen Ausdruck insbesondere eigener Emotionalität hemmt mich nicht nur – es macht auch nachdenklich und lässt schwer und Unaussprechliches in neuem Licht erscheinen.

So war es auch eine Reise zu mir selbst. Jede neue Frage an dieses Land und an diesen Kontinent enthält auch eine Frage an mich selbst. Das Hinaustreten aus den alltäglichen Handlungsrhythmen macht wachsam gegenüber den Resonanzen in meinem Inneren. Ich habe Wunden geleckt. Ästhetische, körperliche, intellektuelle und kulinarische Genüsse haben mich ent-faltet, aber vielleicht noch nicht gestärkt. Es sind nicht Ferien.

Der Boden wäre nun gelegt und Beweglichkeit errungen für das nähere Herantreten an Institutionen und Projekte Sozialer Arbeit einerseits und an die Bildungsstätten andererseits, die gerade aus ihrem Sommerschlaf erwachen.

Und ich habe noch immer keine Affen gesehen, keine Schildkröten und keine Elefanten. Und das wärmere Wasser des Indischen Ozeans wartet auf mich.

Vormundschaft

Bei der vertieften Beschäftigung mit dem neuen schweizerischen Kindes- und Erwachsenenschutzrecht fällt mir auf:

– Die substanziellsten Fortschritte wurden bei der Behördenorganisation erzielt. Ein geregeltes, gewaltenteiliges Verfahren, geführt von professionellen Behörden mit einem Einzugsgebiet, das gross genug ist, um Erfahrungen zu sammeln und eine Praxis aufzubauen: das hat diese wert- und anspruchsvolle öffentliche Leistung verdient. Professionalisierung heisst, eine Aufgabe den politischen Launen soweit zu entziehen, wie das in einem demokratischen System möglich ist. Das scheint, im Sinne einer Optimierung, gelungen zu sein.

– Die alten Begriffe wurden ersetzt. Das war nur nötig, weil das Vormundschaftswesen die Öffentlichkeit immer gescheut hat. Auch wenn eine öffentliche Aufgabe eine ungeliebte Aufgabe ist, so ist sie doch weder ein wertloses noch gar ein böses Geschäft. Wem nützt es, wenn nun alle Massnahmen hinter dem Begriff Beistandschaft verschwimmen? Was war entwertend oder gar entwürdigend am Begriff Vormundschaft, wenn nicht bloss unsere Assoziationen? Wer hätte diese Assoziationen bilden und pflegen müssen? Es wäre auch Aufgabe der Sozialen Arbeit gewesen, immer wieder darzustellen, dass es immer Menschen geben wird, die vorübergehend oder dauernd nicht in der Lage sind, in unserer anspruchsvollen Konsumwelt zu bestehen. Dass das nichts ist, wofür sich jemand zu schämen hat, und dass es hoher Kompetenzen bedarf, für jemanden, der sich in einer solchen Lage befindet, Verantwortung zu übernehmen. – Der „fürsorgerische Freiheitsentzug“ heisst nun „fürsorgerische Unterbringung“. Soll verschleiert werden, dass eine solche Unterbringung eben in der Regel nicht dem Willen der unterzubringenden Person entspricht? Wird damit etwa keine Freiheit entzogen? Oder soll selbstschädigende Freiheit nicht mehr unter den Freiheitsbegriff fallen? Da fehlt jemand, der erklärt, worum es geht.

– Die Soziale Arbeit wird aufgewertet, vom Gesetzgeber und von anderen Disziplinen faktisch als gleichwertige Disziplin anerkannt. Ich hoffe, sie wird diesem Anspruch gerecht. Das Titelblatt der neuesten Ausgabe unserer führenden Fachzeitschrift zum Thema weckt keine besonderen Hoffnungen. Es ist plakativ, unkritisch und falsch.

Ich wünsche mir, auch für eventuelle Jahre eigener Demenz, dass die neuen interdisziplinären Behörden über die Möglichkeit und Bewusstheit verfügen, ihre Aufgabe unablässig, bei jeder Gelegenheit und auch von sich aus offensiv und positiv darzustellen. Mehr als manch andere Verwaltungseinheit bedürfte sie wohl professioneller, aktiver Kommunikation. Damit nicht die Begriffe in 50 Jahren wieder alle ausgewechselt werden müssen.

Sans-Papiers

„I’m a teacher at University of Stellenbosch“.

Es fällt mir immer wieder angenehm auf, dass im Englischen auch waschechte Professoren sich nicht scheuen, sich als Lehrer zu bezeichnen. An den Fachhochschulen aber sind wir sogar bestrebt, die Wörter „Unterricht“ und „Schule“ aus unserem Vokabular zu streichen und flächendeckend durch „Lehre“ und „Hochschule“ zu ersetzen. Was ist los?

Ehemalige BerufskollegInnen aus der Sozialen Arbeit lachen mich gerne aus wegen meines vermeintlichen „Professorentitels“. Ich entgegne dreierlei:

Erstens handle es sich nicht um einen Titel, sondern um eine im kantonalen Hochschulrecht geregelte Funktionsbezeichnung. Das liesse sich auch daran erkennen, dass sie mit Beendigung der Funktion wieder wegfalle. (Natürlich fühle ich mich bei dieser Argumentation formalistisch und unwohl, denn offensichtlich ist, dass wir dennoch hier und da teilhaben daran, was ein „Professor“ etwa bei ahnungslosen Briefträgern und Vermietern auslöst).

Ich sage zweitens, es sei im Ausland selbstverständlich, dass sich ordentliche FH-Dozierende als ProfessorInnen bezeichnen. Wir stünden dumm da, wenn wir das im internationalen Kontakt, der ja alltäglich sei, nicht täten (Mag sein, aber machen wir sonst auch so gerne alles mit, was im Ausland gemacht wird??).

Und schliesslich, drittens, sei der Professor Ausdruck einer Entwicklung, von der auch sie selbst, meine ehemaligen BerufskollegInnen, profitierten: Soziale Arbeit sei eine Hochschuldisziplin geworden, und dieser Statusgewinn sei nicht zuletzt auch am Lohnniveau abzulesen. (Betretenes Schweigen).

„Richtige“ Professoren („Univ.-Prof“) lachen mich nicht aus, sondern sie verweisen etwa indigniert auf meine fehlende Promotion, geschweige denn Habilitation. Sie erinnern sich an die Rosskur, die sie durchzumachen hatten, bis sie dort waren, wo sie heute sind. Ich entgegne mit den Argumenten oben 1. und 2., Nummer 3 lasse ich lieber weg. (Vielleicht sage ich noch, dass Soziale Arbeit fast überall auf der Welt  – wie auch hier in Stellenbosch – mit Selbstverständlichkeit an der Universität gelehrt wird. Was erstens nichts zur Sache mit dem Professor „sans papiers“ tut und was ich zweitens auch nicht für der Weisheit letzten Schluss halte). Und dann stelle ich vielleicht noch die kühne Gegenfrage, was einem denn eigentlich mehr abverlange: jahrelange Berufspraxis und dennoch fähig bleiben zu wissenschaftlicher Denke – oder das ehrgeizige Verbleiben im Elfenbeinturm, bis man ganz oben sei? Und gerne setze ich noch eins drauf und stehe offensiv dazu, dass an Fachhochschulen auch weiterhin und wohl noch jahrzehntelang Berufsleute ohne Promotion zu sog. Professorinnen und Professoren gemacht würden. Denn es gebe in der Sozialen Arbeit wohl noch lange zuwenig promovierte und zugleich hinreichend erfahrene Berufsleute – und ohne Berufserfahrung gehe es nicht, denn Fachhochschulen hätten gemäss ihrem gesetzlichen Auftrag für die Berufsausübung zu qualifizieren. Und da dürften die Nichtpromovierten im Kollegium keinesfalls wie Zweitklass-MitarbeiterInnen dastehen, indem wir ihnen den Professor verweigerten!

Unsere Trägerkantone schliesslich stehen als Arbeitgeberinnen in Versuchung, die Funktionsbezeichnung „Professor“, so umstritten und auch irreführend sie auch ist, als immateriellen Lohnbestandteil zu preisen. Deshalb hier und da ihre Freigebigkeit.

Wahrscheinlich bin ich bezahlt dafür, mich in diesem Minenfeld zu bewegen. Mich darüber  hinwegzusetzen, dass das, was man bisher im deutschsprachigen Raum gemeinhin unter einem Professor verstand, nicht mehr recht erkennbar ist. Und mich dem Vorwurf auszusetzen, dass die Fachhochschulen nicht nur etwas falsch machten, sondern sich auch etwas vergeben, indem sie die Universität imitieren.

Wahrscheinlich bin ich bezahlt dafür, ja.
Aber wie war das nochmal mit dem Widerstand?
Es ist nicht der Notfall.

 

Widerstand

Widerstand war ein geheimnisumwittertes Wort in meiner Kindheit. Es deutete auf etwas hin, das ich nicht verstand, aber vielleicht auch nicht verstehen sollte. Meines Vaters stolzes Leiden, seinen Vater „im Widerstand verloren“ zu haben, wurde im Alter drängender. Es dominierte sein verfallendes Leben als ein nicht verschmerzter Schmerz und als ein nicht erprobter Stolz. Widersprüchliche, kaum zugelassene und nie ausgedrückte Empfindungen. Weder den Stolz noch das Leiden hatte er je nachvollziehbar benennen können; das war seiner Generation nicht erlaubt. Erhobenen Hauptes hatte jedeR sein Schicksal zu tragen. Es waren immer Momente der Fremdheit zwischen uns, diese verhaltenen Gemütslagen, die ich spürte, die mir aber verschlossen blieben. Alle Fragen waren dumm, das Thema zu gross für mich.

So wurde die elterliche Erwartung, wachsam und notfalls zu Widerstand bereit zu sein, belastender Ethos und Tabu zugleich. Es war kein Notfall zu erkennen und damit keine Gelegenheit, zu beweisen, dass ich den hehren Ansprüchen genügte. Wir wurden eingelullt in die Jahre des sorglosen, hemmungslosen Wirtschaftswachstums.

Ich richtete dann, um der Sache auf den Grund zu gehen, meinen Widerstand gegen alles, was ihnen selber wert und teuer war. Ich liess wenig aus. (Preis war eine verlängerte Pubertät – oder der Gewinn, wenn man davon ausgeht, dass das, was nach der Pubertät kommt, noch schlimmer ist. Ich weiss, dass es ein Privileg ist, wenn Pubertät nicht durch Faktenlagen beendet wird. Aber ich weiss heute auch, dass mir Abkürzungen zur Verfügung gestanden hätten, die ich hätte ergreifen dürfen.)

Ich bin sehr interessiert an den Dilemmata, die sich weissen Apartheidgegnern meiner Generation gestellt haben. Sie hätten den echten Notfall ja gehabt.

Aber es bleibt sehr schwierig, darüber zu sprechen.